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Arnold Matt: «Der Tiefpunkt ist in einigen Branchen sicher überschritten»_copy

Zwischenbilanz Aus der Sicht der Wirtschaftskammer Liechtenstein ist das erste Halbjahr 2014 im Grossen und Ganzen positiv verlaufen. Es gibt positive Signale aus dem Gewerbe, allerdings gibt es auch dunkle Wolken am Horizont. Dementsprechend fällt der Ausblick für den Rest des Jahres vorsichtig aus.

Von Holger Franke

«Volksblatt»: Herr Matt, wie ist das erste Halbjahr 2014 aus der Sicht des Gewerbes verlaufen?
Arnold Matt: Ein Rückblick auf das erste halbe Jahr zeigt in den Branchen des Bauhaupt- und Nebengewerbes ein ausgeglichenes Bild. Die Baubranche hat sich über die gute Wetterlage im Winter gefreut. Aufgrund des milden Winters konnte durchgearbeitet werden. Witterungsbedingte Kurzarbeit war im Talgebiet praktisch nicht zu verzeichnen. Die Aufträge konnten somit laufend abgearbeitet werden. Allerdings fehlte dadurch das gewohnte Polster im Frühjahr. Im Autogewerbe waren Umsatzeinbussen an der Tagesordnung. Dort haben wir sogar mit einem Beschäftigtenrückgang gerechnet.

Für welche Branchen, war das erste Halbjahr besonders erfreulich?
Eine ganze Branche, die besonders erfreuliche Ergebnisse erzielte, konnte ich nicht ausmachen. Die Erfolge beschränkten sich auftragsbezogen auf einzelne Betriebe.

Und welche Branchen hatten stärker zu kämpfen?
Die ganze Baubranche merkt natürlich, dass im vergangen Jahr weniger Baubewilligungen gesprochen wurden. Diese bewegen sich in etwa auf dem Niveau von vor sechs bis zehn Jahren.
Das führt dazu, dass der Preisdruck nochmals zugenommen hat. Auch der Termindruck ist in der Tendenz steigend, da teilweise schon mit der Arbeit angefangen werden muss, bevor die Werkverträge unterschrieben sind. Die Autobranche kämpft zusätzlich noch mit neuen gesetzlichen Bestimmungen, so unter anderem mit der Abschaffung der Abgastests und der Verlängerung der MFK-Intervalle. Zunehmende Internetkäufe im Ausland sind in dieser, wie unter anderem auch in den Branchen Handel, Informatik, Druckgewerbe an der Tagesordnung und führen ebenfalls zu Umsatzeinbussen.

Wenn wir auf die Erwartungen zu Beginn des Jahres blicken, wo stehen wir nun – haben sich die Prognosen bestätigt?
Die Erwartungen waren in allen Branchen durchwegs realistisch und haben sich mehr oder weniger bestätigt. Seit dem Jahr 2009 ist in Sachen Prognosen viel Euphorie verloren gegangen.

Wo steht die konjunkturelle Entwicklung Liechtensteins im Vergleich zu den vergangenen Jahren: Würden Sie sagen, dass der Tiefpunkt mittlerweile überschritten ist?
Wir bewegen uns immer noch auf dünnem Eis. Der Tiefpunkt ist in einigen Branchen sicher überschritten. Es gibt aber Branchen, da kann ein Ereignis der Autobranche oder einer Währung schnell das Eis brechen lassen.

Welche Auswirkungen hatte die aktuelle Entwicklung auf die Beschäftigung, und was erwarten Sie diesbezüglich für das zweite Halbjahr?
Die Beschäftigungszahlen sind immer noch auf dem Niveau vom letzten Jahr. Es kann allerdings bei einigen Firmen zum Abbau der Überkapazität, vor allem auf dem Bausektor kommen.

Der starke Schweizer Franken scheint kein Thema mehr zu sein, haben die Unternehmen gelernt, damit zu leben?
Die Frankenstärke ist in den exportorientierten Betrieben ein Dauerthema. Falls der Franken unter 1.20 fallen würde, gäbe es massive Probleme mit der Konkurrenzfähigkeit. Ansonsten hat man sich mindestens in dieser Branche einigermassen damit arrangiert. In verschiedenen anderen Branchen animiert der starke Franken natürlich zum Kauf im Ausland. So werden auch trotz der neuen Importbestimmungen Neuwagen im Ausland gekauft. Reparaturen und Wartung sowie allgemeine Einkäufe im Euroland zu tätigen, sind nach wie vor in den Augen der Konsumenten attraktiv, obwohl sie eine weitere Anreise in Kauf nehmen müssen.

Glauben Sie, dass sich die konjunkturelle Entwicklung fortsetzt? Welche Erwartungen haben Sie für den Rest des Jahres?
Die konjunkturelle Entwicklung wird sich in meinen Augen bis Ende Jahr nicht gross verändern, falls nicht etwas Gravierendes passiert. Momentan ist es doch in einigen Ländern der Welt sehr unruhig. Im 2001 wurde mit dem Anschlag in New York auch von einem Tag auf den anderen alles anders.

Gibt es auch Risiken, die das Gewerbe empfindlich treffen könnten?
Natürlich gibt es immer Gefahren, die das Gewerbe in Bedrängnis bringen können. Man denke nur an die Zeit zurück, wo die Wirtschaftskrise und die Treuhandkrise verkraftet werden musste. Die Investitionen in der Treuhandbranche sind seit dieser Zeit relativ bescheiden. Das hat doch fast jeden Betrieb quer über alle Branchen getroffen. Zukünftige Gefahren sind natürlich eine Zinserhöhung, die das Baugewerbe wahrscheinlich sofort treffen würde. Zu viele leerstehende Geschäftsimmobilien haben ebenfalls Auswirkungen, die alle Branchen betreffen. Wo nicht gearbeitet wird, kann nichts geliefert, repariert, unterhalten oder installiert werden.

Die Baubranche hat schon Bedenken geäussert, dass die Zuwanderungsinitiative in der Schweiz auch negative Konsequenzen für Liechtenstein haben könnte. Wie beurteilen Sie diese Bedenken, auch im Hinblick auf die anderen Branchen?
Die Bedenken sind nicht nur in der Baubranche da, sondern auch in anderen Bereichen. Auswirkungen hat es derzeit noch keine, da die Massnahmen, die die Schweiz zu ergreifen gedenkt, erst umgesetzt werden müssen.

Wie herausfordernd war das Halbjahr für die Wirtschaftskammer?
Ich würde es als normales Jahr mit den üblichen Herausforderungen bezeichnen. Wir haben verschiedene Stellungnahmen im Interesse der Mitglieder ausgearbeitet. Zum Beispiel hat uns die Präsidentenkonferenz beauftragt, eine Plafonierung der Krankenkassenbeiträge zu erreichen, die in den Bericht und Antrag der KVG-Revision eingeflossen ist.

Und welche Pläne verfolgen Sie bis zum Jahresende?
Wir versuchen die Mitglieder zu unterstützen, wo es geht. Die Anfragen betreffend arbeitsrechtlicher Unterstützung haben sich in den letzten Monaten allerdings vermehrt. Wir werden deshalb unsere juristische Beratung ausweiten und hierfür eine neue Stelle schaffen.

Zum Schluss: Mit welchen Erwartungen gehen Sie als Präsident der Wirtschaftskammer in das zweite Halbjahr 2014?
Die Erwartungen setze ich nicht zu hoch an, damit man nicht zu tief fällt. Mit kleinen Schritten und kontinuierlich die Anliegen der Mitgliedsbetriebe vorantreiben. Themen wie Bürokratieabbau, Senkung oder Vermeidung von Lohnnebenkosten werden uns beschäftigen.

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