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Einige Bedenken, aber auch einiges Potenzial

«Eine Aufteilung des Krankengeldes vor der Geburt auf die Krankenversicherung und nach der Geburt auf die Familienausgleichskasse hätte Vorteile für die Unternehmen und die Frauen», Wirtschaftskammer-Geschäftsführer Jürgen Nigg.

In Liechtenstein geht man viel öfters zum Arzt als in der Schweiz. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?
Wirtschaftskammergeschäftsführer Jürgen Nigg: Dies ist mir zum Teil schleierhaft, da wir ja in der selben Region leben und arbeiten. Und am Arbeitsplatz in Liechtenstein kann’s ja auch nicht liegen, wenn 50 Prozent Grenzgänger in ihrem Heimatort anscheinend weniger zum Arzt gehen als Personen in Liechtenstein. Oder es liegt an den 60 Prozent an Versicherten, welche bei uns eine Zusatzversicherung haben? Im Vergleich zur Schweiz sind das mehr als doppelt so viele.

Bezüglich «Montagsgripplern»: Wie viele der Wirtschaftskammer angeschlossene Firmen haben ein betriebliches Krankheitsabwesenheitssystem?
Jürgen Nigg: Für dieses «Montagsproblem » braucht es kein spezielles Abwesenheitssystem. Wenn der Arbeitnehmer nicht am Arbeitsplatz erscheint, spürt das der Unternehmer automatisch, da ja die Fachkraft fehlt; und wenn dies dann halt öfters an einem Montag passiert, liegt eher eine krankheitsfremde Ursache vor.

Könnte man den Arbeitnehmern entgegenkommen, indem man Bedingungen vonseiten der Arbeitgeber an die Einfrierung des Arbeitnehmerbeitrags knüpft? Zum Beispiel, dass Gesamtarbeitsverträge geschlossen werden?
Jürgen Nigg:Wir haben im Land 14 Gesamtarbeitsverträge mit Allgemeinverbindlichkeit, welche sich auf die Arbeitsbedingungen konzentrieren. In diesen ist u. a. auch der Gesundheitsschutz, Casemanagement und die Arbeitssicherheit enthalten. Kostensenkungsmassnahmen im Gesundheitssystem müssen vom Gesetzgeber kommen und nicht durch spezielle Vorgaben in einem GAV.

Wie stehen Sie zur Entlastung der Taggeldprämien um das Mutterschaftsrisiko?
Jürgen Nigg: Laut Krankenversicherungsgesetz wird kein Unterschied zwischen Mutterschaft und Krankheit gemacht. Die Krankenversicherung vergleicht die Ausgaben für Mutterschaftstaggeldleistungen mit den Prämienzahlungen des Unternehmens – und fordert dann höhere Beitragsleistungen vom Unternehmen. Um zu verhindern, dass Unternehmen davon Abschied nehmen, speziell für Frauen Arbeitsmöglichkeiten anzubieten oder Teilzeitarbeitsmöglichkeiten für Frauen zu schaffen, sollten Überlegungen angestellt werden, wie das Dilemma für beide Seiten ohne Verluste gelöst werden kann. Als Lösungsmöglichkeit bietet sich an, dass die Krankenversicherung wie bisher die Kosten für die Mutterschaft bis zur Geburt trägt. Nach der Geburt aber könnte das «Mutter-Taggeld» von der FAK entrichtet werden, von der Familienausgleichskasse, die ja von den Einzahlungen der Unternehmen getragen wird. Eine solche Aufteilung des Krankengeldes vor der Geburt auf die Krankenversicherung und nach der Geburt auf die Familienausgleichskasse für die Unternehmen und zumindest einen psychologischen Vorteil für die Frauen: Denn die «Wöchnerinnen» würden nicht mehr als «Kranke» behandelt, die Geburt würde nicht mehr einer Krankheit gleichgesetzt.

Wie stehen Sie zum vorgesehenen Versicherungsmodell?
Jürgen Nigg: Der Vernehmlassungsbericht der Regierung ist so umfangreich, dass dies nicht in einem Satz beantwortet werden kann. Seitens der Wirtschaftskammer habe wir aber einige Bedenken zu Erneuerungen wie z. B. der Einführung einer Einheitsprämie auf dem Solidaritätsprinzip, welche nur für Kleinunternehmen Gültigkeit haben sollen. Auch die verschiedenen Ansätze der Franchise, Selbstbehalt oder das Gesundheitskonto rufen nach Erklärungsbedarf.

Hätten Sie andere Vorschläge, die Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen?
Jürgen Nigg: Leider nein, aber vielleicht ist es das niederländische Gesundheitssystem. Will ein Patient in Holland ein Medikament gegen Bluthochdruck, sagt der Arzt: «Sie müssen mehr Sport treiben» und schickt ihn wieder nach Hause – ohne Rezept. Noch schlichter ist sein Rat bei Kopfschmerzen oder Erkältungen: «Schlafen Sie mal richtig aus. Dann sehen wir weiter.»

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