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Neujahrsinterview mit Jürgen Nigg

Von Holger Franke

«Volksblatt»: Herr Nigg, wie beurteilt die Wirtschaftskammer Liechtenstein das ablaufende Jahr 2015?

Jürgen Nigg: Für das Baugewerbe hat das Jahr 2015 harzig begonnen. Viele Unternehmer im Bauhaupt- und Baunebengewerbe hatten wenig Arbeit, weil aufgrund des kalten und langen Winters die Baustellen nicht bereit waren. Gegen den Frühling hin hat sich die Situation beruhigt. Die Prognosen für den Rest des Jahres tönten allerdings verhalten. Auch andere Branchen, die schon vorher zu kämpfen hatten, erhielten mit dem Franken-Euro-Wechselkurs eine zusätzliche Herausforderung. Betroffen waren vor allem der Handel und das Autogewerbe. Aber auch Tankstellen merkten eine Abwanderung ins Euroland.

Am 15. Januar 2015 hebt die SNB den Euro-Mindestkurs auf: Was haben Sie an diesem Tag gemacht und was haben Sie spontan gedacht, als die Entscheidung bekannt wurde?

Als ich die Nachricht an jenem Donnerstag per SMS erhielt, war ich an einer Pressekonferenz in der Liechtensteinischen Landesbibliothek, eigentlich ein Ort der Besinnung! Zwei Tage zuvor machte ich anlässlich des Medien-Apéros der Wirtschaftskammer die Aussage Wir bewegen uns alle in einem hart umkämpften Wettbewerb inklusive der Verunsicherung des Frankenkurses bei 1.20… Diese in der Zeitung gedruckte Aussage war nach nur zwei Tagen reif fürs Altpapier, leider.

Heute, fast ein Jahr später, scheint die Situation jedoch nicht so dramatisch zu sein, wie viele damals angenommen haben. Haben sich Handel und Gewerbe mit den neuen Gegebenheiten arrangiert?

Der Frankenkurs pendelt aktuell zwischen 1.08 und 1.09, dies soll nicht dramatisch sein? Unter Druck stehen sämtliche Produkte, die gehandelt werden. Das reicht vom Drucksachenmarkt über die Ladengeschäfte bis zum Grosshandel. Dazu wird zunehmend über das Internet eingekauft, weil sich jeder schnell über Preise im In- und Ausland informieren kann. Kunden kommen heute in die Läden mit Preisangaben, die oft unter dem Einkaufspreis des Händlers liegen. Da wird dann ersichtlich, dass unser Handelsgewerbe preislich sehr stark unter Druck kommt. Der Handel muss sich in Zukunft noch mehr als früher mit dem veränderten Konsumentenverhalten auseinandersetzen. Es bleibt die grosse Herausforderung, sich mit den beiden Vertriebskanälen, dem stationären Handel und dem Onlinehandel, zu verschmelzen oder zumindest anzunähern.

Die Lage am Arbeitsmarkt ist jedoch stabil. Kann man also schon Entwarnung geben oder ist doch noch mit einer grösseren Entlassungswelle zu rechnen?

Noch ist sie stabil, Gott sei Dank, aber der starke Franken bleibt, oder wenn man so will, der sehr schwache Euro. Gerade der Euroraum ist für einige Mitglieder der wichtigste Markt. Sei dies in der Beratung oder eben auch bei den Industriezulieferbetrieben. Andere Branchen, allen voran die im Bauhaupt- und Nebengewerbe, haben zwar noch Eingänge in den Auftragsbüchern, wenn auch sinkende, dies aber mit einem weinenden Auge. Denn vielfach gehen die Vergaben an die Unternehmer mit einem viel tieferen Preisniveau als früher. Der Preisdruck im Land ist enorm. Dazu kommt nun die Situation, dass es jetzt ein Überangebot an Wohnungen und Büroräumlichkeiten gibt. Daher besteht die Gefahr, dass das Baugewerbe – zeitlich versetzt – in eine kleine Krise rutschen könnte, das wäre für den Werkplatz und den Arbeitsmarkt fatal.

Steigende Lohnnebenkosten machen die Lage für Unternehmer auch nicht angenehmer. Krankenkassenprämien, AHV, Kosten für die betriebliche Personalvorsorge: Wie viel können die Unternehmer im Land noch verkraften?

Alle Betriebe suchen nach Möglichkeiten, um die Fixkosten zu senken und die Produktivität zu erhöhen. Somit steht jedes Unternehmen vor der Frage, ob das ganze Personal noch benötigt wird und wie in der Produktion Kosten reduziert werden könnten. Wenn dazu neue bzw. erhöhte Sozialleistungen hinzukommen, wird es sehr, sehr schwierig für die Arbeitgeber, den Erhalt der Arbeitsplätze noch langfristig zu garantieren. Wichtiger ist, dass der Staat darauf achtet, die guten Rahmenbedingungen zu erhalten und die erwähnten Lohnnebenkosten nicht zu erhöhen.

Damit drängt sich auch die Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit auf. Wie konkurrenzfähig sind Liechtensteins Unternehmen gegenüber jenen in Österreich, aber auch gegenüber jenen in der Schweiz?

Konkurrenzfähig hinsichtlich Qualität ohne Widerspruch, aber leider haben wir keinen fairen Wettbewerb, verursacht durch politische Rahmenbedingungen. Ich rate hierzu jedem Nichtgewerbler, sich einmal zwischen 7 und 8 Uhr morgens die Zeit zu nehmen, um an den Rheinbrücken die Ungleichheit zu begutachten. Im Wagentross fahren da Handwerker aus der Schweiz und Österreich nach Liechtenstein und bekämpfen den Heimmarkt, zwar legal aber eben nicht mit gleich langen Spiessen. Unsere Handwerker, welche in die Schweiz wollen, müssen zuerst eine fette Kaution hinterlegen und nach 90 Mitarbeitertagen ist die Arbeit verboten. Der Schweizer holt sich am Anfang des Jahres bei den zuständigen Ämtern in Liechtenstein eine Jahresbewilligung und los geht’s.

Eine der Schlüsselbranchen ist die Baubranche. Wie beurteilen Sie deren aktuelle Situation, gerade vor dem Hintergrund, dass die öffentliche Hand deutlich weniger investiert als in anderen Jahren?

Der Hochbautenbericht der Regierung gibt uns hier nicht viel Hoffnung, denn es sind in den nächsten Jahren praktisch keine Neubauten durch den Staat budgetiert. Die Wirtschaftskammer beschäftigt sich daher gerade mit dem ÖAWG und will das öffentliche Beschaffungswesen für die Zukunft hinsichtlich der Vergabekriterien überprüfen. Auch soziale und ökologische Anforderungskriterien sollen in Zukunft bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen berücksichtigt werden und während der gesamten Phase der Leistungserbringung konsequent überwacht und verpflichtend eingehalten werden. Zudem sollen neben dem Preis auch weiche Faktoren wie Lehrlingsausbildung, CO2-Belastung, Wartungskosten, Anfahrkosten und weitere Kriterien in die Entscheidung der Vergabe einfliessen. Damit wollen wir einen Beitrag zum besseren Verständnis einer einheimischen Vergabe leisten und die Vergabeverantwortlichen für die Möglichkeiten sensibilisieren, die das Vergaberecht in dieser Hinsicht bietet. Wir sind überzeugt, dass sowohl die Auftraggeber als auch unsere heimischen Betriebe davon profitieren können.

Allerdings setzt die öffentliche Hand auf Werterhalt. Auch im privaten Bereich dürfte sehr viel Potenzial in Renovierungen bestehender Gebäude liegen. Die Auftragsbücher müssten also dennoch recht voll sein, oder?

Wir haben wirklich noch ein Potenzial im Bereich der Energieeffizienz. Das Land und die Gemeinden sprechen bei gewissen Umbauten eine Förderung gemäss Energieeffizienzgesetz. Die Umsetzung der Massnahmen soll auf verschiedenen Wegen erreicht werden. Im Vordergrund steht aber die Freiwilligkeit, begleitet von den bestehenden Fördermassnahmen. Die Investitionen in die Energieeffizienz und in erneuerbare Energien bei bestehenden und neuen Gebäuden würden der lokalen Wirtschaft positive Impulse geben, wenn diese Aufträge auch an einheimische Betriebe vergeben werden.

Blicken wir zum Schluss doch noch auf die Wirtschaftskammer selbst. Was konnte im Jahr 2015 erreicht werden?

Als Interessensvertretung hat sich die Wirtschaftskammer auch im Jahr 2015 stark für den Bürokratieabbau eingesetzt. Die von der Wirtschaftskammer Liechtenstein durchgeführte Mitgliederbefragung konnte bereits einiges bewegen: Lockerung der Liftkontrollen, Verschiebung der EEG-Abgaben um ein Jahr, Entlastung Entsorgungsgebühr für Motorfahrzeuge, MFK-Nachkontrollen in den Werkstätten und eine Verdoppelung der Export-Checks. Des Weiteren hat die Wirtschaftskammer verschiedene Stellungnahmen zu Vernehmlassungen abgegeben, u. a. zum Krankenversicherungsgesetz, zur AHV/IV/FAK-Revision, zum Gesetz über die betriebliche Personalvorsorge, zum Bauwesen- und Berufsgesetz, zum Geldspielgesetz, Konsumentenschutzgesetz, Korruptionsgesetz und zum Liechtensteinischen Rundfunk. Auch spielte die duale Berufsausbildung im vergangenen Geschäftsjahr wieder eine wichtige Rolle. Der Bereich 100pro! der Wirtschaftskammer befindet sich weiter im Wachstum. Mittlerweile sind bei der Wirtschaftskammer 24 Verbundlehrlinge angestellt. 60 Betriebe nutzen das Betriebscoaching und 70 Lernende besuchen die Hausaufgaben-Lobby (HALO). Das Konzept für die neue Berufsschau wurde erarbeitet. Mit der LIHK wurde eine gemeinsame Trägerschaft der neuen Veranstaltung «BerufsCHECK.li – Mis Läba. Min Bruaf.» eingegangen. Während einer Woche werden ab 2016 allen Schülerinnen und Schülern der 8. Schulstufe rund 100 Berufe im realen Berufsumfeld präsentiert.

Können Sie bereits etwas zu den Plänen im kommenden Jahr verraten?

Schwerpunkte im kommenden Jahr bilden unter anderem Massnahmen zur Frankenstärke, die Lohnnebenkosten (Sozialwerke), der weitere Ausbau von Dienstleistungen für Mitglieder. Ebenso stehen verschiedene Veranstaltungen an, welche von der Wirtschaftskammer organisiert oder mitgetragen werden. Unsere Mitglieder mit ihren Arbeitsplätzen und Lehrstellen werden auch im kommenden Jahr wieder die verschiedensten Herausforderungen zu bewältigen und dabei auch Grenzen zu überwinden haben. Hierbei bleibt es entscheidend, dass sich die Wirtschaftskammer auch im neuen Jahr mit lauter und deutlicher Stimme Gehör verschafft. Sei dies bei der Lancierung der Gesetzesinitiative «Familie und Beruf», der Überprüfung des öffentlichen Vergabewesens, der Problematik bei der grenzüberschreitenden Dienstleistungserbringung und dem weiteren Abbau von übermässiger Bürokratie. Es wird uns also garantiert nicht langweilig.

Und im Hinblick auf das Land? Was erwarten Sie im kommenden Jahr im Hinblick auf die Rahmenbedingungen, die wirtschaftliche Entwicklung und den Arbeitsmarkt?

Die Entwicklung der Rahmenbedingungen für die gewerbliche Wirtschaft gehört zu den grössten Herausforderungen der Wirtschaftskammer Liechtenstein im neuen Jahr. Deshalb wird sich die Wirtschaftskammer auch im Jahr 2016 mit voller Energie für die legitimen Interessen ihrer Mitglieder sowie für den Wohlstandserhalt in unserem Land einsetzen. Dieser Einsatz nützt nebenbei bemerkt auch jenen Unternehmen, die in der Mitgliedschaft bei der Wirtschaftskammer noch immer keinen Sinn erkennen. Ein wirtschaftlicher Ausblick hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung ist derzeit schwierig zu stellen. Im Baugewerbe wird sich die Situation vermutlich wiederholen: das heisst, ein harziger Beginn, vielleicht nochmals eine Reduktion von Bauaufträgen, hoffen wir es nicht. Im Auge behalten müssen wir die Rekrutierung von Arbeitskräften, welche vor allem mit der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative in der Schweiz zusammenhängen wird. Hier werden wir dann sehen, wie sich die schweizerischen Politiker positionieren und wie unsere Politiker reagieren. Aber abzuwarten wäre hier der schlechteste Ratschlag. Besser wäre, nicht erst dann zu reagieren, wenn die Schweiz ihre Entscheidung getroffen hat, sondern vorher eine breite Diskussion zu führen, wenn nicht sogar schon zu verhandeln. Der Werkplatz braucht Planungssicherheit und der Arbeitsmarkt gehört zu den wichtigsten Bereichen der Wirtschaftspolitik. Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam aktiv dazu beitragen, dass die Anliegen der Unternehmen künftig ein stärkeres Gewicht in der Politik finden, damit wir engagiert und mit Weitblick auf die Anforderungen der Zukunft reagieren können. Wir müssen die noch günstigen Rahmenbedingungen für unsere Unternehmen erhalten, denn nur so können Innovationen entstehen, die das Wachstum unserer Wirtschaft in positivem ­Sinne beeinflussen.

 

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