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Wir sind in einer verzwickten Lage

Werkplatz.
Das Gewerbe im Land ist geprägt von seiner Innovationskraft. Gute Ausbildungsstätten in der näheren Umgebung sorgen für bestens ausgebildete Arbeitskräfte. Trotzdem wird es immer schwieriger, Fachleute und Lehrlinge für die mit Vorurteilen behafteten Berufe zu begeistern.


IINTERVIEW: MELANIE STEIGER

Herr Nigg, warum ist Liechtenstein ein attraktiver Standort für das Gewerbe?

Jürgen Nigg: Der Werkplatz Liechtenstein ist aus meiner Sicht erstens von der Innovationskraft einzelner Unternehmen und zweitens der Nähe zu den Bildungssystemen entscheidend geprägt. Aber auch das traditionelle Gewerbe hat sich mit neuen Rahmenbedingungen immer wieder neu erfunden. Das sowie die attraktiven Steuern und die stabilen Verhältnisse sorgen dafür, dass Liechtenstein ein attraktiver Standort ist.

Viele Initiativen wollen nun Start-ups und Gründer fördern.

Jede Initiative hinsichtlich Start-ups hat ihre Daseinsberechtigung. Dabei darf man aber die bestehenden Betriebe nicht vergessen. Denn diese bringen den Ertrag in die Volkswirtschaft. Mit den neuen Plattformen rufen die Gründer nach Unterstützung wie z. B. günstigen Räumlichkeiten für den Beginn. Wir als Wirtschaftskammer können die Startups aber finanziell nicht unterstützen, sondern nehmen eine beratende Funktion ein und bieten unser Netzwerk an.

Liechtenstein grenzt direkt an Vorarlberg und die Schweiz. Meist hört man nur vom Währungsnachteil. Aber was bringt diese Grenznähe eigentlich für Vorteile?

Wegen der Nähe zu Vorarlberg kämpfen wir gegen den Einkaufstourismus. Zudem kommen immer mehr Firmen ins Land und konkurrieren mit den hiesigen Betrieben. Ein erheblicherVorteil ist aber die Nähe der Bildungsinstitute wie Berufsschulen, Hochschulen und Universitäten. Auch auf die Grenzgänger sind wir angewiesen, denn sie machen immerhin 50 Prozent aus.

Besteht zwischen der Schweiz und Liechtenstein noch immer der Konflikt der «gleich langen Spiesse»?

Der Wettbewerb zwischen Liechtensteiner und Schweizer Unternehmen ist fast schon historisch. Sie kommen zu uns und wir gehen zu ihnen. Es bestehen gewisse Probleme mit der Tagesregelung, diese müssen endlich gelöst werden. Aber wiederum durch den starken Franken bedingt, dringen Dienstleistungsanbieter aus dem EU-Raum vor. Der Trend ist spürbar, denn auch polnische Firmen mit anderen Voraussetzungen, niedrigen Lohnkosten und niedrigen Produktionsstandards dringen ins Land vor. Das konnten wir uns vor zehn Jahren kaum vorstellen, dass eine Firma aus Polen hier ein Haus baut. Die Lage ist verzwickt, da dem hiesigen Gewerbe so die Aufträge wegbleiben.

Was ist momentan die grösste Herausforderung des Gewerbes?

Der Umgang mit dem starken Franken und dem Einkaufstourismus, der sich in den vergangenen zehn Jahren allein in Vorarlberg vervierfacht hat. Dazu kommt der Fachkräftemangel. Auch die Lohnnebenkosten stellen das Gewerbe vor eine grosse Herausforderung. Da muss eine Vereinbarung her, denn wir können nicht stetig höhere Löhne mit höheren Lohnnebenkosten zahlen, da wird die Marge immer geringer und das wirkt sich negativ auf das wirtschaftliche Wachstum aus.

Wie geht die Wirtschaftskammer gegen den Fachkräftemangel vor?

Das liegt teilweise an den Unternehmen selbst und auch an Institutionen wie der Wirtschaftskammer und anderen Branchenverbänden, dass das Thema sensibilisiert und die Attraktivität sowie Durchlässigkeit der dualen Ausbildung betont wird. Denn auch mit der dualen Ausbildung kann man später studieren gehen. Wir müssen das den Eltern näherbringen, denn sie befassen sich teil weise zu wenig damit oder haben bereits eine konkrete Vorstellung, was ihre Kinder später machen sollen. Massnahmen wie den Berufscheck, 100 pro und unser Betriebscoaching sollen den Firmen unter die Arme greifen, denn als Ausbildungsbetrieb hat man es nicht leicht. Es gibt Phasen im Leben, in der die Leistung schwankt und da brauchen die Jugendlichen Unterstützung.

Da ein Fachkräftemangel herrscht, gibt es auch einen Mangel an Lehrlingen?

Es ist zusammenhängend und wir können bei Weitem nicht alle Lehrstellenangebote besetzen. Zum einen gibt es gewisse Stellen, die laut den Jugendlichen nicht attraktiv sind, was überhaupt nicht stimmt. Zum anderen gibt es den Trend, dass die Berufe im Gewerbe eine enorme Steigerung im Leistungs- und Wissensbedarf aufweisen wie bei den MINT-Fächern: Naturlehren, Mathe, Informatik und Technologie müssen noch mehr gefördert werden.

Was macht denn gewisse Berufe unattraktiv? Das ist in den Köpfen, obwohl es geniale Arbeitsgebiete sind. In gewissen Branchen scheinen die Arbeitszeiten nicht besonders attraktiv zu sein. Oder auf dem Bau: Dort kann man keinen Anzug tragen, aber arbeitet mit Hightech-Maschinen. Nicht alle bleiben Maurer bis zur Pension. Man kann sich in anderen Berufsfeldern wie Logistik oder Vorarbeiter bis zum Ingenieur weiterbilden. Es ist alles möglich. Es gibt Trend-Berufsarten, die angesagt sind, und dort zeigt sich irgendwann eine Sättigung von Jugendlichen, die dann folglich an anderen Orten fehlen.

Mit der zunehmenden Technologisierung und Digitalisierung verändern sich auch die Berufsbilder, andere verschwinden und neue kommen hinzu.

Berufe verändern sich bis in das traditionelle Handwerk hinein. Mit Visualisierungen und der Produktivitätssteigerung sind wir schneller und teilweise auch günstiger geworden – mit der Gefahr, dass Arbeitsplätze wegfallen. Vor allem in den Medien und in grafischen Berufen hat sich enorm viel getan. Viel einfacher wurde auch die Anwendung von Programmen. Durch das Internet und die Öffnung der EU kann man zum Beispiel Druckerzeugnisse in Hamburg bestellen. Früher ging man dafür in die Druckerei im Dorf. Am meisten davon betroffen ist der Handel, denn das Internet ist schneller und günstiger. Rücksendungen sind gratis und das gab einen erheblichen Rückschlag. Diese Hemmschwelle ist nun weg. Das Internet ist aber keineswegs der böse Feind. Man muss selbst kreativ werden und eine Ressource daraus aufbauen – auch im Land selbst. Wenn die Leute sagen, sie wollen die Ware nach Hause geliefert, dann muss man diesen Service anbieten. Ein gesunder Mix muss her zwischen der Beratung im Geschäft, dem Online-Auftritt sowie der Lieferung.

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