Suchen

«Ein Freibetrag von null Franken wäre auch für die Feldkircher fairer»

Bereit Seit einem Monat ist der neue Präsident der Wirtschaftskammer Liechtenstein, Rainer Ritter, im Amt. Im Gespräch spricht er über seine ersten Tage im Amt, Massnahmen gegen den starken Franken und Digitalisierung im Gewerbe.

MIT RAINER RITTER SPRACH STEPHAN AGNOLAZZA

Herr Ritter, seit Kurzem sind Sie Präsident der Wirtschaftskammer. Ihre Nomination wurde aber nicht nur mit Begeisterung zur Kenntnis genommen. Sie sagten erst nach der verlorenen Landtagswahl zu. Warum?

Rainer Ritter: Ja, das stimmt. Um das zu verstehen, muss ich etwas ausholen. Ich war ja bereits Vorstandsmitglied in der Wirtschaftskammer, Lehrlingsobmann und Präsident des Autogewerbeverbandes. Ich war dann mal im Gespräch als Vizepräsident der Wirtschaftskammer, das hat sich allerdings nicht ergeben. Im vergangenen Jahr kam dann die Anfrage der VU, ob ich als Landtagskandidat kandidieren würde. Ich habe mir den Schritt reiflich überlegt und am Ende zugesagt, weil mich die Aufgabe reizte. Kurz nachdem ich meine Zusage an die Partei machte, verkündete mein Vorgänger Noldi Matt seinen Rücktritt. Und genau in dieser Phase zwischen meiner Zusage an die VU, aber vor der Verkündigung, kam die Anfrage der Wirtschaftskammer.

Sie haben sich dann für die Landtagskandidatur entschieden.

Ja, schliesslich hatte ich bereits zugesagt. Ausserdem hatte ich nicht erwartet, dass bei der Wirtschaftskammer solche Änderungen anstehen. Weil das Interesse der Wirtschaftskammer aber bestehen blieb, aber beide Ämter nicht gemeinsam zu vereinbaren waren, einigten wir uns darauf, den Ausgang der Wahlen abzuwarten und dann weiterzuschauen.

 

Am Ende reichte es dann knapp nicht.

Ja, wegen fünf Stimmen ... (Lacht) Nichtsdestotrotz meldete sich am nächsten Morgen bereits Noldi Matt und wollte einen Termin mit mir. Es ging alles ziemlich schnell.

 

Das Präsidium der Wirschaftskammer ist demnach ein netter Trostpreis.

Das könnte man meinen – und es wird auch in verschiedenen Kreisen gemunkelt und verbreitet. Damit war leider zu rechnen. Fakt ist aber: Die beiden Dinge haben nichts miteinander zu tun, sondern sie haben sich einfach zeitlich überschnitten. Das ist purer Zufall. Von einem Trostpreis kann also keine Rede sein, im Gegenteil: Es ist ein ehrenvolles und spannendes Amt.

Dann wird sich das auch nicht auf Ihre Arbeit auswirken?

Nein, ich hoffe, dass sich die Gerüchte nach der Startphase in Luft auflösen. Die Wirtschaftskammer ist politisch ungebunden und setzt sich unabhängig für die Interessen des Gewerbes ein. Diesen Kurs werde ich 1:1 übernehmen.

Wäre ich im Landtag politisch gebunden gewesen, kann ich mich hier auf Sachthemen konzentrieren, was immer mein Ansinnen war. Darauf freue ich mich.

Was für Sachthemen wären das konkret?

Das Wichtigste für uns sind optimale Standortbedingungen für das Gewerbe. Wir brauchen faire Steuern und möglichst wenig bürokratischen Aufwand. Liechtensteins grosse Stärke sind die kurzen Wege, wir können innerhalb kürzester Zeit viel erreichen. Genau diese Stärken brauchen wir für die Herausforderungen mit dem starken Franken oder der Digitalisierung. Ausserdem, und das ist eher ein verbandsin ternes Ziel, möchte ich die Solidarität unter den Gewerblern fördern, sodass sie auch wieder Mitglied bei der Wirtschaftskammer werden. Schliesslich kommt unsere Arbeit allen Gewerblern zugute.

 

Sie haben die Herausforderung Frankenstärke bereits angesprochen. Dort gibt es auch allerhand Ideen, wie man darauf reagieren könnte. Eine davon ist die Senkung des Freibetrages.

Wenn sich die Schweiz dazu entschliesst, dann müssen wir uns sofort anschliessen und mitziehen. Ich würde sogar auf null Franken Freibetrag runter.

Das wäre wohl etwas gar radikal.

Finde ich nicht. Weshalb soll der Liechtensteiner in Feldkirch günstiger einkaufen als ein Feldkircher? Das ist nicht fair, egal um welche Beträge es sich handelt. Wenn wir alles versteuern würden, käme das dem Staat zugute und würde wohl den Einkaufstourismus etwas eindämmen. Denn der Einkaufstourismus trifft uns leider empfindlich. Grundsätzlich aber gilt: Ein Absenken der Mehrwertsteuermindestgrenze auf 50 Franken ist sicherlich nicht das Allerheilmittel gegen den Kaufkraftabfluss. Aber es ist die Beseitigung eines staatlich inszenierten Wettbewerbsnachteils für den heimischen Detailhandel und somit ein starkes Bekenntins zum Standort Schweiz und damit auch zu Liechtenstein.

Teilweise sind die Probleme aber auch hausgemacht.

Ja, absolut. Wir dürfen nicht alles auf den Franken schieben. Wir müssen unsere Dienstleistungen verbessern, die Kundenbindung stärken und die Qualität in den Vordergrund stellen. Es gibt Bereiche, wo wir uns noch verbessern können, gerade bei den Kundenbeziehungen oder im Marketing.

 

Wie wollen Sie dieses Problem angehen?

Das Bewusstsein, dass heute ein Kunde intensiver gepflegt werden muss und dass ein anständiger Online-Auftritt eine Selbstverständlichkeit ist, ist leider noch nicht überall vorhanden. Hier können wir mit Kursen und Aufrufen versuchen, diese Mitglieder abzuholen. Früher liefen die Geschäfte einfach noch sehr gut, da wurden solche Dinge vernachlässigt.

 

Und dann kommen auch die Liechtensteiner wieder?

Davon bin ich überzeugt. Ein Beispiel: Wir Garagisten werden schon lange von den Importeuren getrimmt, den Kunden optimal zu betreuen. Und es funktioniert. Wenn sich der Kunde aufgehoben fühlt, dann zählt nicht nur der Preis. Nur alles mit dem Preis zu begründen, ist zu einfach.

 

Sie haben es bereits angesprochen: Gerade der Online-Auftritt lässt bei vielen Gewerblern zu wünschen übrig. Viele Homepages bieten kaum Informationen.

Es gibt auch sehr gute Beispiele. Aber natürlich gibt es auch bei uns solche, welche sich dem Trend verschliessen – doch das geht einfach nicht mehr. Heute erwartet der Kunde einen zeitge mässen und informativen Online-Auftritt.

 

Viele scheuen aber den Aufwand.

Ein guter Online-Auftritt bedeutet einen grossen Aufwand. Dieser ist sehr arbeitsintensiv, gerade wenn beispielsweise ein Online-Shop dazukommt. Aber es gibt auch neue Ideen, wie die Internetseite hierbeimir.li, wo man sich günstig einkaufen kann. In diese Richtung dürfte es vermehrt gehen.

 

Werden Sie hier vermehrt das Augenmerk darauf legen oder haben Sie zum Beginn Ihrer Amtszeit andere Prioritäten?

Im Moment haben wir einen anderen Schwerpunkt. Wir haben die Arbeitsgruppe «Zukunft Werkplatz Liechtenstein» eingerichtet, welche Themen einbringt und Massnahmen erarbeitet. Derzeit geht es um die Produktivitätssteigerung in den Unternehmen. Das wird allerdings schon seit dem ersten Eurocrash intensiv betrieben, hier ist dann aber irgendwann auch der Zenit erreicht.

 

Wie die Studie der Zukunft.li aber zeigt, ist die Produktivität in den vergangenen Jahren sogar gesunken.

Ja, wir lehnen uns an diese Studie. Deshalb versuchen wir, aus deren Erkenntnissen konkrete Massnahmen abzuleiten.

 

Wie könnten diese aussehen? Die meisten Betriebe haben schon optimiert, wo es nur geht.

Digitalisieren – heute lassen sich fast nur noch auf diesem Weg Zeit und Ressourcen sparen. Hier muss allerdings jede Branche selber wissen, wie sie es angehen möchte. Ein anderer Punkt ist die Ausschöpfung des inländischen Arbeitspotenzials. Dazu gehört auch die Steigerung der Erwerbstätigkeit von Frauen.

 

Damit rennen Sie wohl überall offene Türen ein. Wie aber wollen Sie es umsetzen?

Wir müssen uns neue Modelle überlegen, welche wir im Gewerbe einführen. Ich habe beispielsweise eine Buchhalterin, welche nur einen halben Tag die Woche vor Ort ist, den Rest arbeitet sie von zu Hause aus. Das funktioniert super. Natürlich gibt es Grenzen, ich kann ja nicht den Automechaniker Home Office machen lassen. Aber Potenzial gibt es sicher noch reichlich.

 

Sie haben zuvor die Digitalisierung angesprochen. Haben Sie keine Angst, dass viele Verbandsmitglieder bald ihre Jobs verlieren?

Nein. Aber hier sind wir schon bei der nächsten Kernaufgabe der Wirtschaftskammer: Die frühzeitige Erkennung von neuen Berufsbildern. Wir müssen die Ausbildung auf dem aktuellen Stand halten. Dann sind wir auch vorbereitet auf die Zukunft.

 

Sie haben auch das Thema Bürokratie angesprochen. Hier fordern Sie einen Abbau. Wo und wie?

Wir haben ja die Bürokratie-Umfrage durchgeführt und diese nun bei der Regierung deponiert. Hier hat es zahlreiche Vorschläge drin, wo man Prozesse vereinfachen und verbessern könnte. Jede Branche wird mit Unmengen an Papier geflutet, sei es von Importeuren, Händlern oder vom Staat. Regulierung hier, Ausnahme da, Kontrolle dort. Das alles unter einen Hut zu bekommen, ist für jedes Unternehmen heute eine Herausforderung.

 

Was wäre Ihre konkrete Idee?

Ich habe vorgeschlagen, die Digitalisierung bei den Ämtern voranzutreiben. Ich möchte beispielsweise im Jahr 2017 ein Auto online einlösen können. Das geht aber nicht. Stattdessen muss ich jedes Mal von Mauren nach Vaduz fahren, dort am Schalter warten und wieder zurück. Da geht jedes Mal eine Stunde Arbeitszeit verloren. In der Schweiz kann man das sogar auf der Post erledigen. Bei den Amtsgängen könnten wir sicher noch viel reduzieren. Darauf werden wir unser Augenmerk legen.

 

«Heute erwartet der Kunde einen zeitgemässen und informativen Online-Auftritt.»

Rainer Ritter übernahm vor einem Monat von Noldi Matt das Amt des Wirtschaftskammer-Präsidenten. Der Garagist will sich für weniger Bürokratie einsetzen und die Entwicklung von neuen Arbeitszeitmodellen vorantreiben. .

Bilder: Daniel Schwendener

 

«Wir können nicht alle Probleme auf den starken Franken schieben.»

Rainer Ritter, Präsident der Wirtschaftskammer Liechtenstein

 

« Index

Seite drucken | Seite senden

Copyright © Wirtschaftskammer Liechtenstein. Alle Rechte vorbehalten. » Impressum

www.concordia.li