Von Arnold Matt*
Dem Professor, der vor einigen Monaten seine Vorstellungen von einer stärkeren Akademisierung der Berufsbildung der Öffentlichkeit präsentierte, schlug eine Welle der Ablehnung entgegen. Die teilweise Empörung richtete sich nicht gegen eine möglichst qualifizierte Ausrichtung der beruflichen Ausbildung, sondern gegen die Forderung nach Aufhebung des dualen Ausbildungssystems mit einem Lehrplatz in der Wirtschaft und begleitender Berufschule.
Vielleicht ist es ungerecht, von den Zukunftsvorstellungen des Professors einen einzelnen Aspekt zu betrachten und zu bewerten. Aber was die Berufsausbildung nach dem geltenden Dual-System betrifft, sprechen die Fakten im Moment gegen ihn. Allein aus den Erfahrungen unseres Landes kann ohne Vorbehalte behauptet werden, dass sich dieses System bisher bewährt hat. Die Medaillen, die unsere Jugendlichen an den Berufsweltmeisterschaften errungen haben, sprechen eine deutliche Sprache. Mit anderen Worten, unser duales Berufsbildungssystem braucht keinen Vergleich mit anderen Ausbildungssystemen zu scheuen – auch weltweit nicht!
Auch aus einer anderen Sicht bewährt sich unser Berufsausbildungssystem: Die Berufslehren führen die Jugendlichen schon früh in die Wirtschaft ein und vermitteln nicht nur theoretisches Wissen, sondern auch praktisches Können. Zudem sind den ehrgeizigen Jugendlichen über die Berufslehre und die Berufsmittelschule alle Wege offen für eine Berufskarriere, die vielleicht sogar im akademischen Bereich endet.
Was uns im Moment vor allem interessiert, ist die Situation der Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt. Länder mit einem dualen Berufsbildungssystem haben eine tiefere Jugendarbeitslosigkeit: Das war nach Erhebungen in Europa schon vor der Finanz- und Wirtschaftskrise so – und ist auch während der Krise so geblieben. Die Schweiz kämpft mit einer Arbeitslosenquote bei den Jugendlichen von etwas über 5 Prozent, in Deutschland liegt die Quote bei rund 6 Prozent, in Österreich bei etwa 10 Prozent. Im Unterschied zu diesen drei Ländern, die ebenfalls das duale Ausbildungssystem kennen, liegen die Jugend-Arbeitslosenquoten in Ländern mit alleiniger schulischer Berufsausbildung und hohen Maturitätsquoten bedeutend höher: Nach Angaben der EU liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Grossbritannien bei 20 Prozent, in Frankreich bei 25 Prozent, in Italien bei 27 Prozent und in Spanien gar bei 43 Prozent.
Je praxisnaher also die berufliche Grundausbildung der Jugendlichen ist, umso eher finden sie einen Job in der Wirtschaft. Dabei geht es nicht nur um die Berufslehren, sondern auch um die höhere Fachausbildung, die an den Fachhochschulen und Technika vermittelt werden. Dass Liechtenstein über hervorragende Leute an der Spitze von innovativen Kleinbetrieben und international tätigen Unternehmen verfügt, hängt zum Teil auch mit den Ausbildungsmöglichkeiten im früheren Abendtechnikum, an der nachfolgenden Liechtensteinischen Ingenieurschule (LIS) sowie an der Fachhochschule bzw. Hochschule Liechtenstein zusammen.
Der starke Praxisbezug der Lehrgänge der Fachhochschulen hat dazu beigetragen, dass FH-Absolventen in der Wirtschaft sehr gefragt sind. Nach schweizerischen Erhebungen schätzt der Arbeitsmarkt die Fachhochschul-Ausbildung mit einem berufspraktischen Vorlauf durch eine Berufslehre sehr hoch ein. Man kann davon ausgehen, dass die Situation in unserem Land etwa ähnlich gelagert ist. Die Hochschule Liechtenstein, die kürzlich die Akkreditierung als Universität erhielt, bekam in der Vergangenheit viel Lob für die praxisbezogene Ausbildungsstruktur. Es bleibt zu hoffen, dass der Praxisbezug der neuen Universität nicht zugunsten einer stärkeren Akademisierung aufgegeben wird. «Die grösste Gefährdung des schweizerischen Bildungs- und Berufsbildungsmodells», befürchtet der ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm, «besteht durch die Ignoranz und mangelnde Förderung der berufspraktischen Intelligenz, nicht zuletzt bedingt durch den Akademisierungstrend.»
Traditionelle Standortvorteile wie niedrige Steuersätze und vorteilhafte Besteuerungsmodelle, bröckeln unter dem ausländischen Druck mehr und mehr ab. Die Wettbewerbsfähigkeit muss in Zukunft verstärkt über die Bildung gesichert werden. Der Berufsausbildung kommt in diesem Kontext eine bedeutende Rolle zu.Wenn eine höhere Maturitätsquote gefordert wird, damit die Wirtschaft mehr Spitzenkräfte erhält, ist diese Forderung zu unterstützen. Im gleichen Atemzug muss aber auch die Berufsausbildung einen höheren Stellenwert erhalten. Es braucht nicht nur die Eliteförderung ganz oben, sondern auch die Förderung der Elite auf der mittleren beruflichen Ebene.
*Arnold Matt ist Präsident der Wirtschaftskammer Liechtenstein