Sven Simonis
appelliert im Interview dafür, dort einzukaufen, wo man seinen Lohn verdient. Durch
den Einkaufstourismus im Vorarlberg würden hiesige Arbeitsplätze bedroht, sagt
der Präsident des Liechtensteinischen Handelsgewerbes.
Mit
Sven Simonis sprach Stefan Lenherr
Herr Simonis, sollten
Liechtensteiner und Schweizer aus Solidarität gegenüber dem heimischen
Einzelhandel auf den Einkauf im günstigeren Vorarlberg verzichten?
Sven Simonis: Nicht aus
Solidarität, sondern vielmehr, um Arbeitsplätze zu sichern. Wenn die Konsumenten zum Einkauf über die Grenze
fahren, schrumpfen dadurch die Umsätze der Unternehmen. In diesem Fall wird als
erstes beim Personal gespart und man wird sich fragen, ob man weiterhin Lehrlinge
ausbilden kann, denn diese kosten Geld. Eltern sollten sich fragen, wo ihre
Kinder einmal die Lehre machen sollen. Etwa in Vorarlberg, wo sie nach der
Lehre weniger verdienen, als man hier von der Sozialhilfe bekommt?
«Währungsvorteil wird sich stärker niederschlagen»
Könnten sich die
Einzelhändler nicht einfach mit ein bisschen weniger Gewinn begnügen, um
preislich attraktiver zu werden?
Die Unternehmer verdienen sich keine goldene
Nase, wie das manchmal suggeriert wird. 50 Prozent der Kosten entfallen auf Löhne, Lohnnebenkosten, Miete,
Marketing und Werbung. Diese Posten werden alle in Schweizer Franken beglichen.
Wenn man die Lohnkosten mit denen von Vorarlberg vergleicht, dann wird es verständlich, dass die Produkte hier
einfach etwas teurer sind als über der Grenze.
Können Sie ein Beispiel für die Lohnunterschiede nennen?
Wer in einem Liechtensteiner Geschäft arbeitet,
das der Wirtschaftskammer angeschlossen ist, hat gemäss Gesamtarbeitsvertrag
nach der Lehre zum Detailhandelsangestellten Anrecht auf einen Mindestlohn von
3600 Franken. Im Vergleich dazu verdient ein Berufsanfänger in Vorarlberg in der
gleichen Produktsparte 1334 Euro. Nimmt man unseren Mindestlohn als Massstab,
müsste ein Lehrabgänger in Vorarlberg umgerechnet 3160 Euro verdienen. Das
entspricht in etwa dem, was man als Prokurist in Österreich in diesem Beruf
verdient – nach 10 Jahren.
Allerdings sind im
Euroraum die Lebenshaltungskosten auch wesentlich niedriger als hier.
Natürlich. Es ist auch egal, wo der Euro
steht – in Vorarlberg wird man immer etwas günstiger einkaufen können. Doch
hier ist man einen anderen Lebensstandard gewöhnt, den will man ja auch
behalten. Wenn man unbedingt die
Vorarlberger Preise haben möchte, müssten die Löhne 20 bis 30 Prozent
runtergehen. Dann könnten die Geschäfte auch die Margen senken. Irgendwie muss
der Unternehmer aber die Lohnkosten, die Lohnnebenkosten und die Mieten wieder
hereinbekommen.
Dennoch: Müsste es nicht möglich sein, die Kunden von den
Währungsvorteilen profitieren zu
lassen? Warum kaufen Geschäfte beispielsweise nicht
vermehrt direkt im Euroraum
ein, um günstiger an ihre Ware zu kommen?
Das ist nicht so einfach. Oft ist es
so, dass die Firmen Niederlassungen in der Schweiz haben. Wenn man beim Hauptsitz
im Euroraum Ware ordern will, um die Währungsvorteile auszuspielen, heisst es,
dass man sich an die Schweizer Niederlassung wenden muss. Man kommt an die
Euro-Ware teilweise einfach nicht ran.
Wer profitiert denn
von der Euro-Schwäche? Die Lieferanten, die
billig im Euroraum einkaufen und teuer
in die Schweiz und nach
Liechtenstein verkaufen?
Ich würde sagen, unter dem Strich geht
die Rechnung auf. Als der Euro bei 1,60 lag, haben wir bei den Firmen noch zu
einem Kurs von 1,45 oder 1,50 eingekauft. Auf diese Schwankungen zu reagieren,
dauert seine Zeit. Zudem muss man sehen, dass die Produkte heute in einem
weltweiten Produktionsverbund hergestellt werden und Rohmaterial weltweit
bezogen wird. Da hat die Euro-Situation nur einen marginalen Einfluss auf die Herstellerkosten.
Wie lange dauert es
denn, bis sich die Frankenstärke positiv
auf die Preisgestaltung auswirken kann?
Zum Teil ist das schon jetzt der Fall.
Einige Lieferanten haben ihre Preise teilweise um 10 bis 20 Prozent reduziert. So
können viele heimische Einzelhändler damit ihre Euro-Ware auch günstiger
anbieten. Ich gehe davon aus, dass es im Herbst und im Winter nochmals
Preissenkungen geben wird, da Waren oft ein halbes Jahr im Voraus geordert
werden. Dann wird sich der Währungsvorteil stärker niederschlagen.