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Nationalbank geht aufs Ganze
 
Mittwoch, 7. September 2011 01:00
Liechtensteiner Vaterland

Die Schweizerische Nationalbank will ab sofort keinen Eurokurs unter 1,20 Franken mehr akzeptieren. Wirtschaft und Politik in Liechtenstein und der Schweiz applaudieren, fordern aber weitere Massnahmen.

Von Patrick Stahl




Zürich/Vaduz. –
Die Währungshüter ziehen im Kampf gegen den starken Franken eine klare Grenze. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) wird eine Untergrenze zum Euro von 1,20 Franken verteidigen, wie sie gestern mitteilte. Falls nötig, wird die SNB zu diesem Zweck uneingeschränkt Devisen kaufen. Der Schritt kann als historisch bezeichnet werden: Zuletzt im Oktober 1978 hatte die Nationalbank eine Kursuntergrenze zu einer ausländischen Währung gesetzt – damals zur Deutschen Mark. Die Intervention stoppte vorerst den Höhenflug des Franken. Nach der Ankündigung schoss der Eurokurs schlagartig in die Höhe und notierte bei über 1,20 Franken, nachdem er am Vormittag noch bei unter 1,11 Franken gelegen hatte. Die SNB machte deutlich, dass sie den Kurs von 1,20 Franken nur als Untergrenze verstanden wissen will. Der Franken sei auch auf diesem Wechselkursziel noch hoch bewertet und sollte sich über die Zeit weiter abschwächen. Auch weitergehende Massnahmen schliesst die Nationalbank nicht aus.

Tschütscher begrüsst Vorgehen


Erleichtert reagierten Politiker und Wirtschaftsvertreter aus Liechtenstein und der Schweiz auf das neue Wechselkursziel. Liechtensteins Regierungschef Klaus Tschütscher sagte aufAnfrage, die Massnahme der Nationalbank sei ein «richtiges und gutes Zeichen» für die heimische Wirtschaft und insbesondere die Exportindustrie: «Ich habe grosses Vertrauen, dass wir auch die aktuell
schwierige Phase gut meistern werden », erklärte Tschütscher.

Die liechtensteinischen Wirtschaftsverbände begrüssten ebenfalls die Intervention der SNB, forderten aber weitere Schritte. «Ein gesunder Wechselkurs zum Euro liegt für die exportorientierten Unternehmen um einiges höher als bei 1,20 Franken», sagte Josef Beck, Geschäftsführer der Liechtensteinischen Industrie- und Handelskammer: «Die betroffenen Unternehmen warten daher dringend auf weitere Massnahmen der Nationalbank, um den Schweizer Franken sukzessive weiter zu schwächen.»


Verluste nicht zu kompensieren


Das neue Wechselkursziel erhöhe zumindest die Planungssicherheit für die Exportunternehmen, sagte Jürgen
Nigg, Geschäftsführer derWirtschaftskammer Liechtenstein. Der Margenverlust liesse sich damit für die betroffenen Unternehmen allerdings nicht zur Gänze kompensieren: «Der Euro-Kurs müsste schon in die Richtung von 1,40 Franken gehen, damit die Unternehmen wieder auf die alten Kalkulationen kommen», sagte Nigg. Auch gegen den zunehmenden Einkaufstourismus in Vorarlberg werde das Wechselkursziel wenig bewirken, meint der Geschäftsführer der Wirtschaftskammer: «Der Wechselkurs müsste schon viel höher angesetzt werden, damit der Einkauf wieder im einheimischen Handel stattfindet.» Auch der Liechtensteinische Bankenverband begrüsste das Vorgehen der SNB. DasWechselkursziel erscheine glaubwürdig, beinhalte aber auch Risiken, sagte Geschäftsführer Simon Tribelhorn. Es gelte nun genau zu beobachten, wie die Märkte darauf reagierten: «Eine Einschätzung ist enorm schwierig, da es so etwas bisher in diesem Ausmass noch nicht gegeben hat.»

Wellershoff warnt


Kritik an der Nationalbank übt Klaus Wellershoff, der frühere Chefökonom der Grossbank UBS, im Interview mit dem «Liechtensteiner Vaterland». Wellershoff rechnet mittelfristig mit einer höheren Inflation. Die Schweiz werde für die Abschwächung des Frankens einen teuren Preis bezahlen, sagt Wellershoff: «Der Schritt ist gravierend. Einem bescheidenen kurzfristigen Gewinn stehen erhebliche langfristige Risiken gegenüber.
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