Krisenfest - Der Präsident der Wirtschaftskammer Liechtenstein, Arnold Matt, zur bevorstehenden Volksabstimmung über den Neubau des Landesspitals.
Ende Oktober wird über den von Regierung und Landtag beschlossenen Verpflichtungskredit für die bauliche Erneuerung des Landesspitals abgestimmt. Im Vordergrund stehen die Erhaltung und Verbesserung der spitalärztlichen Grundversorgung der liechtensteinischen Bevölkerung. Im folgenden Gespräch mit dem Präsidenten der Gewerbe- und Wirtschaftskammer, Arnold Matt, geht es um die volkswirtschaftliche Bedeutung des heutigen und künftigen Landesspitals als Schnittpunkt für das Gesundheitsnetz Liechtenstein.
«Volksblatt»: Welchen Stellenwert messen Sie dem Gesundheitsnetz Liechtenstein aus wirtschaftlicher Sicht bei?
Arnold Matt: Für die gewerbliche Wirtschaft ist unser Gesundheitswesen ein wichtiger Faktor, der noch an Gewicht zunehmen wird. Allein aus dem Betrieb des Landesspitals in Vaduz fliessen jährlich 19 von 27 Mio. Franken an inländische Dienstleister und Unternehmen. Zusätzlich muss man sich vor Augen halten, dass zwei Drittel der mehr als 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Spital im Land wohnen. Das Gesundheitswesen ist auch in unseren Nachbarländern einer der krisenfestesten Faktoren der Volkswirtschaften.
Sind es nicht die Ärzte, die in erster Linie vom Landesspital profitieren? Und davon, so hört man häufig, gibt es heute schon mehr als genug?
Warum redet man von den Ärzten statt von den Patienten? Dem Geschäftsbericht des Landesspitals ist zu entnehmen, dass dort im letzten Jahr mehr als 2500 Patienten stationär behandelt wurden! Mehr als die Hälfte der Neugeborenen aus dem Land kamen hier zur Welt. Die Zahl der ambulanten Patienten ist auf 9892 angewachsen.Diese Zahlen sprechen auch aus wirtschaftlicher Sicht eine deutliche Sprache. Auch wenn sie Schwankungen unterworfen sind. Und das obwohl das Haus nach 30 Jahren in baulicher Hinsicht erneuerungsbedürftig ist.Nachdem wir das Land mit dem Beitritt zum EWR vermehrt für ausländische Ärzte geöffnet haben, ist ihre Zahl gewachsen. Sie tragen nicht nur zur Qualitätssteigerung unseres Gesundheitswesens bei, sondern sind ihrerseits wieder ein Wirtschaftsfaktor. Und für Liechtensteiner, die in medizinischen Berufen tätig sind, ist das Landesspital eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sie überhaupt im Land tätig sind!
Was bedeutet der Spitalneubau für unsere Wirtschaft?
Der Kredit geht von 77 Mio. plus 6 Mio. aus. Ab der Detail-Planung bis hin zur Inbetriebnahme des Neubaus wird meines Erachtens mindestens die Hälfte dieser Summe im Land bleiben. Nicht zu vergessen, dass auch die damit verbundene Mehrwertsteuer wieder an den Staat zurückfliesst!
Und was passiert, wenn Ende Oktober ein Nein herauskommt?
Ein Nein würde unser Land nicht nur in Bezug auf die spitalärztliche Grundversorgung um Jahre, vielleicht Jahrzehnte zurückwerfen. Es würde auch einen gewaltigen volkswirtschaftlichen Rückschritt mit sich bringen. Längerfristig wäre das heutige Spital nicht mehr betriebsfähig, die wichtigen Stellen im Gesundheitsbereich würden wegfallen und das Geld würde in Form von Investitionsbeiträgen, die wir ab nächstem Jahr zusätzlich bei allen Aufenthalten in ausländischen Spitälern zahlen müssen, aus dem Land abfliessen.
Wer kann an einer solchen Entwicklung ein Interesse haben?
Zum Beispiel Spitäler, die sich im unmittelbaren Wettbewerb mit unserem Landesspital befinden. Dies ist vor allem bei Grabs der Fall. Denn 64 Prozent der potenziellen Patienten aus Liechtenstein sind privat oder halbprivat versichert. Das macht sie zu einem begehrten Patientengut. In der Schweiz sind es vergleichsweise nur 23 Prozent. Ohne eigenes Spital fliessen diese Kosten ohne Alternative ins Ausland.
Aus Liechtenstein fliessen jährlich grosse Summen an die ausländischen Vertragsspitäler. Kommen umgekehrt Aufträge an unser Gewerbe zurück?
Liechtensteinische Unternehmen bei Bau- oder Lieferverträgen von dieser Seite werden praktisch nicht berücksichtigt.
77 plus 6 Mio. Franken sind eine bedeutende Investition und das an einem Standort, der da und dort immer wieder Diskussionen auslöst.
Beginnen wir beim zweiten Teil: Der bisherige Standort ist gemäss den von Fachleuten durchgeführten Evaluationen als der Beste beurteilt worden. Das Baurecht ist geregelt, verkehrstechnisch gibt es keine Probleme, die Zusammenarbeit mit dem Betagtenwohnheim in unmittelbarer Nachbarschaft ist gewährleistet und der Notfalldienst in Kooperation mit dem LRK-Rettungsdienst gesichert. Der Standort hat sich seit bald 100 Jahren bewährt!Andere Standorte wurden geprüft. Schaan zeigte kein Interesse und über das sog. «Wille-Areal» läuft eine Hochdruckgasleitung.Bezüglich der Investition bin ich der Meinung, dass wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten wesentlich höhere Summen für weniger wichtige Projekte ausgegeben haben. Wenn ich nur an das Landtagsgebäude, an die kostspieligen Neubauten und Renovationen von Parkhäusern, Gemeindezentren sowie Sport und Erholungsstätten denke, sind wir schnell bei ein paar Hundert Millionen Franken. Nun geht es erstmals bei einer grösseren Investition um pflegebedürftige und kranke Menschen und um die künftige Sicherung der spitalärztlichen Grundversorgung im Land. Und ausgerechnet da werden wir jetzt an unsere Spartugenden erinnert.
Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.