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Grüne Energie aus dem Rhein
 
Mittwoch, 1. Februar 2012 01:00
Liecht. Volksblatt

Wasserkraft Reizthema Rheinkraftwerk: Das Land will bis 2020 den Energieverbrauch drastisch reduziert sehen und nicht mehr so sehr vom Ausland abhängig sein. Passen beide Anliegen unter einen Hut, wenn das Projekt «Rheinkraftwerk» irgendwann einmal umgesetzt wird? Das «Volksblatt» fragte nach.

Mit schöner Regelmässigkeit geistert das Thema durch die Medien – allein das «Volksblatt» berichtete in den vergangenen zwei Jahren etwa 20 Mal über die Möglichkeit und die Absichten im Dreiländereck, ein Rheinkraftwerk zu errichten. Erstmals angedacht wurde diese Art der Energiegewinnung für die Region bereits Ende der 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Zugrunde lagen diesen Planungen freilich die technischen Möglichkeiten der damaligen Zeit mit dem Ergebnis, dass insgesamt fünf Staustufen vorgesehen wären. Inzwischen sind aber über 30 Jahre vergangen – die technisch-physikalischen Errungenschaften sind so weit fortgeschritten, dass der ganze Energiegewinnungskomplex nur noch zwei Staustufen benötigen würde: Eine im Süden des Landes, eine im Norden.

Keine Frage – «Grüne Energie» ist der Megatrend der kommenden Jahrzehnte und wird die Entwicklung von tragenden Technologien vorantreiben wie vermutlich in keiner anderen Branche. «Dieser Umstand bringt die Wirtschaft voran und ermöglicht die Schaffung vieler neuer Arbeitsplatze. Und sorgt selbstverständlich für eine tolle Energiebilanz», erklärt Jürgen Nigg, der Geschäftsführer der Liechtensteiner Wirtschaftskammer im «Volksblatt»-Interview. Der Trend gehe ganz klar in Richtung «Eigenversorgung» – worin sich übrigens auch die Politik parteiübergreifend einig sei.

«Was wir genug haben: Wasser»

Liechtenstein besitzt nur bedingt Ressourcen für die Energiegewinnung. «Wind wäre brauchbar, Gas haben wir nicht, kalorische Kraftwerke ebenso wenig. Von einem haben wir jedoch genug: Wasser – und dieses fliesst reichlich im Rhein. Dieses für die Energiegewinnung zu nützen, das ist für Liechtenstein eine einmalige Chance. Wenn Sie mich fragen: Das Thema Rheinkraftwerk ist up to date wie nie zuvor.» Durch die beiden Staustufen würde Liechtenstein hundertprozentiger Eigenversorger, so Nigg – und: «Die Prognosen der Experten sagen auch, dass sogar Überschuss produziert und verkauft werden könnte.» Klar – die Investitionssummen wären hoch, aber letztendlich würde sich die Sache rentieren. «Ausserdem», so der WK-Geschäftsführer, «würde da ja nicht nur Liechtenstein allein ein grosses Projekt stemmen müssen. Ich denke, da kann – ja man muss sogar mit Vorarlberg und dem Kanton St. Gallen kooperieren. Der Rhein gehört schliesslich uns allen.»Wenn das Projekt angegangen wird, dann würde das dem Land einen unglaublichen Wirtschaftsimpuls bescheren, nicht nur dem Baugewerbe und dem Arbeitsplatzmarkt. «Man stelle sich nur vor, was beispielsweise zwei Staustufen für den Freizeit- und Tourismussektor bedeuten würden: Der Freizeitwert der Region stiege deutlich an, die beiden Staustufen, die für stehendes Gewässer sorgen würden, wären eine Attraktion.»

Starke Lobby gegen das Projekt

Selbstverständlich träten, sobald das Thema neu andiskutiert würde, grüne Fraktionen auf den Plan und legten ihre Einwände dar. Dazu hat Nigg einen klaren Standpunkt: «Ich höre jetzt schon deren Geschrei darüber, dass Frösche und andere Amphibien in Gefahr seien. Aber ich meine: Da wird nichts zerstört, da geht nichts kaputt – vieles würde sich nur verlagern. Unterm Strich rechne ich mit einer Win-win-Situation mit der Natur, weil sich auch neue schöne Biotope bilden könnten.» Die Gegner des Projekts «Rheinkraftwerk» fürchten um Ökologie und fürchten auch um die Unversehrtheit des Bodensees. Mario Broggi, Mitglied des Wissenschaftli chen Rates am Liechtenstein-Institut, meinte einst: «Ich bin komplett dagegen.» Zwar sei es nachvollziehbar, dass das Thema Aktualität besitze, aber statt den Rhein als Lebensader zu opfern, sollte lieber überlegt werden, wie mehr Energie gespart werden könnte – beispielsweise durch Gebäudesanierungen. Abschlies-send meinte Broggi: «Ich bezweifle, dass ein Rheinkraftwerk ökologisch vertretbar genutzt werden kann.» «Meine Einschätzung», so Nigg abschliessend, «das Thema kommt hundertprozentig. Eine Machbarkeitsstudie des Konsortiums der Hochschule Rapperswil ist auch am Laufen und die Technologien sind so weit, dass Eingriffe behutsam vorgenommen werden könnten. Ich rechne jedoch, da mache ich mir keine Illusionen, mit einer starken Lobby, die sich dagegen stemmen wird.» Jörg Zeuner, Chefökonom bei der VP-Bank, meinte in seinem Artikel «Profitieren von der Energiewende» im aktuellen Heft von «Der Monat»: «Die aktuellen Untersuchungen, die nach Angaben der Regierung von einem wesentlich unterschiedlichen Szenario und anderen Dimensionen ausgehen als frühere Projektskizzen, zielen darauf ab, mögliche Standorte für eine oder zwei Flusskraftwerkstufen zwischen Balzers und Ruggell zu untersuchen.» Bei den Untersuchungen werde darauf Wert gelegt, dass alle Aspekte und Einflüsse eines Wasserkraftwerks berücksichtigt seien, wie Grund- und Hochwasserschutz, Ökologie, Fische, Flora und Fauna, gesellschaftliche Aspekte, Sunk und Schwall. Jürgen Nigg meint dazu abschliessend: «Ich gehe davon aus, dass ich irgendwann einmal mit meinen Enkelkindern auf einem kleinen Boot in einer der beiden Staustufen rumpaddeln kann.»

Abhängigkeit vom Ausland

Keine Frage: Die Umstellung auf nachhaltige Energie schafft Arbeitsplätze, gibt Unabhängigkeit, schützt das Klima und stärkt die Volkswirtschaft. Liechtenstein befasst sich konsequent mit Fragen der künftigen Energieversorgung – und Strom spielt dabei eine wichtige Rolle: Er ist der grösste Energieträger. Die Eigenproduktion in Liechtenstein liegt bei etwa 19 Prozent. Das ist sehr wenig. Das Land will den Anteil in die Höhe treiben – etwa durch die Forcierung und Förderung von Solarstromanlagen, Geothermie oder Windenergie. Die Abhängigkeit Liechtensteins vom Ausland ist sehr gross. Die Eigenversorgungsquote lag 2010 bei unter 10 Prozent, die Agenda 2020 visiert 20 Prozent an. Spätestens bei solchen Gedankenexperimenten kommen die Rheinkraftwerke unweigerlich ins Spiel. 


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